Friedrich Nietzsche: Wer sich selber haßt, den haben

Wer sich selber haßt, den haben wir zu fürchten, denn wir werden die Opfer seines Grolls und seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selbst verführen!
Friedrich Nietzsche

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Quelle: Morgenröte, Werke II, 6. Aufl. Frankfurt/M u. a.: Ullstein, 1969, S. 253, Fünftes Buch, Aphorismus Nr. 517, ISBN: 354803229X

Überschrift im Originaltext: Zur Liebe verführen – Übersetzung englisch: We have to fear who hates himself for we will be the victims of his resentment and revenge. So let’s look how we can seduce him to self-love!

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Eine Interpretation zu “Wer sich selber haßt, den haben

  1. Andreas Tenzer, Köln im März 2012

    «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Dieser Bibelspruch hat fast zwei Jahrtausende maßgeblich dazu beigetragen, dass die Selbstliebe als eine Untugend angesehen wurde, die es zugunsten der Nächstenliebe aufzugeben gilt.

    Diese Fehlinterpretation dürfte auf eine problematische Suggestion zurückzuführen sein, die in den vermutlich bekanntesten Worten Jesu enthalten ist. Der Spruch impliziert die Annahme, dass die Menschen sich selbst lieben. Wäre dies nicht der Fall; würden die Menschen sich selbst nicht lieben sondern hassen, hätte die Einhaltung des Gebots der Nächstenliebe fatale Auswirkungen, denn dann müssten sie ihren Nächsten hassen wie sich selbst.

    Das durch den Spruch ausgelöste Missverständnis beruht vor allem auf der falschen Gleichsetzung von Selbstliebe und Egoismus. Wer diesem Irrtum auf den Leim geht, sieht sich nämlich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder sich selbst oder seinen Nächsten zu lieben und sich folglich entweder altruistisch oder egoistisch zu verhalten. Nietzsche hat diese Schwachstelle des Christentums früh erkannt und sich seine Finger wund geschrieben gegen einen scheinheiligen Altruismus, dem der Mut fehlt, sich zur Selbstliebe zu bekennen.

    Liebe dich selbst, und wenn dir das gelingt, dann begegne deinem Nächsten mit der gleichen Liebe, die du dir selbst gegenüber empfindest. Interpretiert man Jesu Worte im Kontext der Bergpredigt, dann spricht vieles dafür, dass er das Gebot der Nächstenliebe auf diese Weise verstanden wissen wollte, denn Selbstliebe ist die unverzichtbare Voraussetzung dafür, um jemand anderen lieben zu können. Egoismus entsteht aus Mangel an Selbstliebe.

    Aus diesem Grund warnt uns Nietzsche vor denen, die sich selber hassen. Wer dies tut, wird auch seinen Nächsten hassen müssen. Er wird sich an ihm rächen für den Groll, den er gegenüber sich selbst hegt. Und er wird alles daran setzen, sein negatives Selbstbild auf sein Gegenüber zu übertragen. Nachdem er sich selbst zum ungeliebten Opfer gemacht hat, wird er auch von seinen Nächsten Opfer verlangen. Wer sich dem entziehen will, hat als potenzielles Opfer nur zwei Möglichkeiten. Er kann den zur Selbstliebe Unfähigen aus dem Weg gehen, oder sie zur Selbstliebe verführen.

    Nietzsche favorisiert die zweite Alternative. Will man jemanden zur Selbstliebe verführen, dann muss man nur auf einen einzigen Punkt achten. Sobald man einem zur Selbstliebe unfähigen Menschen begegnet, beginnt ein zäher Kampf um die Vorherrschaft von Hass und Liebe. Der Lieblose wird mit aller Gewalt versuchen, der Kommunikation den Stempel der Lieblosigkeit aufzudrücken. Nur wenn sein Gegenüber in seiner Selbstliebe und der daraus resultierenden Fähigkeit zur Nächstenliebe fest steht wie ein Fels in der Brandung, kann die Verführung gelingen. Indem er unbeirrt seinen Blick auf die Lichtseiten des Ungeliebten richtet, dessen verbannte Freude, Schönheit und Liebe wie durch die Betätigung von Klaviertasten zum Schwingen bringt, kann er erreichen, dass sein Partner sich irgendwann selbst in die Arme fällt. Dann ist der Bann gebrochen.

    Solange dessen Selbstliebe noch nicht gefestigt ist, wird die Kommunikation mit ihm jedoch noch vorwiegend therapeutischen Charakter haben. Um sich als Freunde auf Augenhöhe begegnen zu können, dürften beide Kommunikationspartner nicht mehr auf therapeutische Hilfen des anderen angewiesen sein. Man müsste sich schonungslos auch mit Schattenseiten auseinandersetzen können, ohne befürchten zu müssen, dass der andere dann wieder in die Rolle des Ungeliebten zurückfällt.

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