Johann Wolfgang von Goethe: Ich bin ein Teil von jener Kraft,

Ich bin ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Johann Wolfgang von Goethe

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Quelle: Faust I, Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 3, Dramatische Dichtungen I, 11. Aufl. München: dtv, 1982, S. 47, Studierzimmer, 1334-1336, ISBN: 3423590386

Abweichend von der meist zitierten Fassung, steht im Originaltext: Faust. „Nun gut, wer bist du denn?“ / Mephistopheles. „Ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

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Eine Interpretation zu “Ich bin ein Teil von jener Kraft,

  1. Andreas Tenzer, Köln im März 2012

    Als Verkörperung des Teufels liegt es in der Natur des Mephisto, stets das Böse zu wollen. Wie ist es dann möglich, dass er dennoch «stets das Gute schafft»?

    Dieses Zitat ist eines der vielen Belege dafür, dass Goethe dialektisch gedacht hat. Ein Jahr vor der Veröffentlichung des Faust I im Jahre 1808 war Hegels Phänomenologie des Geistes erschienen, das wohl bedeutendste dialektische Meisterwerk aller Zeiten. Goethe wird ein maßgeblicher Anteil an der Ernennung Hegels zum Professor für Philosophie zugeschrieben, so dass er dessen Phänomenologie gründlich studiert haben dürfte, noch bevor er den ersten Teil des Faust fertigstellte.

    Hegels Phänomenologie war darauf angelegt zu zeigen, dass der dialektische Dreischritt von These > Antithese > Synthese nicht bloß ein logischer Begriff sei, sondern das universelle Prinzip, nach der die Weltgeschichte verläuft. Dieses Prinzip wirkt stets nach gleichem Muster:

    Zunächst tritt eine neue Idee oder Lebensform in ihrer Unmittelbarkeit auf (These). Um wirklich zu werden, muss sie sich mit der bestehenden Wirklichkeit, die naturgemäß eine andere ist, auseinandersetzen (Antithese). Dabei bleibt ein Teil von ihr aufbewahrt (1. Aufhebung), ein Teil geht verloren (2. Aufhebung) und im Ringen miteinander werden beide Wirklichkeiten schließlich auf eine höhere Ebene gehoben (3. Aufhebung = Synthese). So bewegt sich die Geschichte von Fortschritt zu Fortschritt, wobei bei jedem neuen Fortschritt bereits sein Nachfolger in Lauerstellung liegt.

    Diese einleitenden Worte waren notwendig, da sich das vorliegende Faust-Zitat nur dem dialektischen Denken erschließen kann.

    Als Inkarnation des Bösen ist Mephisto bloß dessen manifestierter Teil. Er arbeitet im Auftrag der Urkraft des Bösen, die selbst nicht in Erscheinung tritt, jedoch alle Erscheinungen des Bösen inszeniert. In seiner Unmittelbarkeit ist das Böse zunächst nur eine Idee, das heißt, der reine böse Wille. Um wirklich werden zu können, muss es sich seinem Gegenteil in der Welt stellen. So kommt es zum Kampf zwischen Gut und Böse. Dadurch verhindert das Böse zwar die Existenz des Guten in seiner reinen Form, doch damit ist nicht wirklich etwas gewonnen. Im Gegenteil: In seiner reinen Form wäre das Gute nämlich – ebenso wie das Böse – eine bloße Idee ohne Wirklichkeit. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet dies: Das Böse ist der Nährboden des Guten. Ohne die Kraft der Negativität könnte nichts Gutes wachsen.

    Dadurch dass das Böse dem Guten in der Welt entgegentritt, erreicht es also das Gegenteil dessen, was sein ursprünglicher Wille war. Es ermöglicht dem Guten überhaupt erst, in der Welt Fuß zu fassen. Aus der bloßen Idee des Guten wird das wirklich Gute somit durch die Intervention des Bösen. Das mag paradox klingen, ist aber nach dialektischem Verständnis vollkommen logisch. Mephisto verkörpert tatsächlich die Kraft, die – weil sie das Böse will – das Gute schafft.

    Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine vielleicht noch verblüffendere Implikation. Es müsste nämlich auch der Umkehrschluss gelten:

    Ich bin ein Teil von jener Kraft,

    Die stets das Gute will und stets das Böse schafft.


    Wer nicht gerade ein Mainstream-Denker ist, wird einräumen, dass das größte Unheil in der Menschheitsgeschichte von denen angerichtet wurde, die das absolut Gute auf ihre Fahnen geschrieben haben. Die gefährlichsten Verbrecher waren stets die, die davon überzeugt waren, das Gute zu verkörpern, besonders die, die glaubten, eine göttliche Mission zu erfüllen. Das Göttliche aber – und das ist eine weitere logische Konsequenz der Dialektik – muss jenseits von Gut und Böse sein. Denn wäre es nur ein Teil der allmächtigen Kraft, dann wäre es nicht das Allmächtige.

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