Marcel Proust

Zitate von Marcel Proust (136)

Marcel Proust: * 10.7.1871 in Paris – † 18.11.1922 in Paris

Der Romanzyklus A la recherche du temps perdu, ‚Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘, ist vordergründig eine detaillierte Schilderung der dekadenten Pariser Bourgeoisie um die Jahrhundertwende. Die Seele dieses Romans ist jedoch philosophischer bzw. psychologischer Natur. Wie funktionieren menschliche Wahrnehmung und Erinnerung, durch welche geheimnisvollen Fäden sind Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben? sind die zentralen Fragen, die sich wie ein roter Faden durch das monumentale Werk ziehen.

Das Ergebnis dieser Recherche bringt Proust im letzten Band Die wiedergefundene Zeit auf den Punkt. Dort heißt es, das Leben spinne zwischen allen Ereignissen neue Fäden, «so daß zwischen dem geringsten Punkt unserer Vergangenheit und allen anderen ein reiches Netz von Erinnerungen uns nur die Wahl der Verbindungswege läßt» (S. 4171). Damit konstatiert Proust nicht nur die Subjektivität der menschlichen Wahrnehmung, sondern stellt auch die Willensfreiheit des menschlichen Denkens und Handelns fundamental in Frage. Für die menschliche Identität wird so das geheimnisvolle Zusammenspiel von bewussten und unbewussten Inhalten konstitutiv (wie in der Tiefenpsychologie).

Eines von zahllosen Beispielen, wie der subtile Mechanismus der engrammatisch in Körper, Geist und Seele gespeicherten Erinnerungen aus dem Unbewussten ins bewusste Erleben des Augenblicks katapultiert werden und welche Wirkungen er dort hervorrufen kann, zeigt besonders eindrucksvoll eine Passage aus dem ersten Teil des Zyklus (In Swanns Welt):

«In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Mißgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unserer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört, mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen.»

Proust wurde in seinem Denken und Wahrnehmen stark beeinflusst von dem französischen Philosophen Henri Bergson (Lebensphilosophie) und dessen Theorie von der mémoire involontaire (unwillkürliche Erinnerung), nach der Lebensprozesse nur durch introspektive Intuition adäquat widergespiegelt werden können und Raum und Zeit lediglich Abstraktionen seien.

Mit seinem Hauptwerk übte Proust seinerseits großen Einfluss auf die Literatur des 20. Jahrhunderts aus. Zu den Autoren, die er inspirierte, gehören unter anderen Robert Musil, James Joyce, Samuel Becket, Walter Benjamin und Gilles Deleuze.

 

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