Franz Kafka

Zitate von Franz Kafka (54)

Franz Kafka: * 3.7.1883 in Prag – † 3.6.1924 im österreichischen Kierling

Zu den wichtigsten Schlüsseln für das Verständnis von Leben und Werk dieses Schriftstellers, der zweifellos zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts zählt, gehören die familiären Bedingungen, unter denen Franz Kafka aufwuchs. Wie kein anderes Dokument gibt Kafkas berühmter «Brief an den Vater» aus dem Jahr1919 darüber Aufschluss. Die folgenden Auszüge sind entnommen aus: Er, Prosa von Franz Kafka, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1968.

„Ich war ein ängstliches Kind; trotzdem war ich gewiß auch störrisch, wie Kinder sind; gewiß verwöhnte mich die Mutter auch, aber ich kann nicht glauben, daß ich besonders schwer lenkbar war, ich kann nicht glauben, daß ein freundliches Wort, ein stilles Bei-der-Hand-Nehmen, ein guter Blick mir nicht alles hätten abfordern können, was man wollte. Nun bist Du ja im Grunde ein gütiger und weicher Mensch […], aber nicht jedes Kind hat die Ausdauer und Unerschrockenheit, so lange zu suchen, bis es zu der Güte kommt. Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn, und in diesem Falle schien Dir das auch noch überdies deshalb sehr gut geeignet, weil Du einen kräftigen mutigen Jungen in mir aufziehen wolltest.“ (a.a.O., S. 138 f.)

„Deine äußerst wirkungsvollen, wenigstens mir gegenüber niemals versagenden rednerischen Mittel bei der Erziehung waren: Schimpfen, Drohen, Ironie, böses Lachen und – merkwürdigerweise – Selbstbeklagung.“ (a.a.O., S. 148)

„Es ist wahr, daß die Mutter grenzenlos gut zu mir war, aber alles das stand für mich in Beziehung zu Dir, also in keiner guten Beziehung. Die Mutter hatte unbewußt die Rolle eines Treibers in der Jagd. Wenn schon Deine Erziehung in irgendeinem unwahrscheinlichen Fall mich durch Erzeugung von Trotz, Abneigung oder gar Haß auf eigene Füße hätte stellen können, so glich das die Mutter durch Gutsein, durch vernünftige Rede (sie war im Wirrwarr der Kindheit das Urbild der Vernunft), durch Fürbitte wieder aus, und ich war wieder in Deinen Kreis zurückgetrieben, aus dem ich sonst vielleicht, Dir und mir zum Vorteil, ausgebrochen wäre.“ (a.a.O. S. 153 f.)

„Seit jeher machtest Du mir zum Vorwurf […], daß ich dank Deiner Arbeit ohne alle Entbehrungen in Ruhe, Wärme, Fülle lebte. Ich denke da an Bemerkungen, die in meinem Gehirn förmlich Furchen gezogen haben müssen, wie: «Schon mit sieben Jahren mußte ich mit dem Karren durch die Dörfer fahren.» «Wir mußten alle in einer Stube schlafen.» «Wir waren glücklich, wenn wir Erdäpfel hatten.»“ (a.a.O., S. 154 f.)

Franz Kafka hat den Brief an seinen Vater nie abgeschickt. In „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ schreibt er: „Vielleicht aber gibt es nur eine Hauptsünde: die Ungeduld.“ Kafka übernahm selbst die Verantwortung dafür, dass er als Kind nicht die Geduld hatte zu warten, bis „ein freundliches Wort, ein stilles Bei-der-Hand-Nehmen, ein guter Blick“ ihm das Urvertrauen hätte geben können, nach dem er sich sein Leben lang gesehnt hat. Die als lieblos empfundene Erziehung durch seinen Vater ließ Kafka abgrundtief in eine Welt ohne Hoffnung und Liebe schauen, die uns aus seinen Werken als höllisches Szenario entgegen blickt. Die Ehrlichkeit und einzigartige metaphorische Kunst, mit der Kafka seine Hölle beschreibt, ermöglichen es dem Leser, der sein eigenes Höllenszenario weder verdrängt noch nach außen projiziert, nachzuempfinden, was existenzielle Verzweiflung bedeutet.

Wie der erste Auszug aus Franz Kafkas Brief an den Vater zeigt, war Kafka sich dessen bewusst, was ihm zu einem glücklichen Leben fehlte: das Gefühl, von seinen Eltern als der geliebt zu werden, der man ist. Sein persönliches Manko an Elternliebe verstellte ihm jedoch nicht den Blick auf ein zumindest denkbares anderes Leben. In seinen Betrachtungen über Sünde… (a.a.O., S. 202) schreibt er: „Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.“ Dann könnte sich die pessimistische Weltsicht, die er in Ein Landarzt so formulierte: „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.“ verwandeln in: Einmal dem Lichtläuten der Morgenglocke gefolgt – es wird nie ganz finster werden.

Während Kafka die seiner Kinderseele zugefügten Wunden pathologisch-resignativ verinnerlichte und literarisch-kreativ zu verarbeiten suchte, inszenierte ein unweit seines Heimatortes geborener Zeitgenosse seine unheilbaren «Vaterwunden» als ein äußeres Inferno, dem im Zweiten Weltkrieg Millionen von Menschen zum Opfer fielen. Was können wir von einem der sensibelsten Literaten und dem vielleicht sensibelsten Schlächter aller Zeiten lernen? Neben politischen, ökonomischen und soziologischen Ursachen von Kriegen gibt es eine kaum zu unterschätzende psychologische: Die Wiege von inneren und äußeren Kriegen ist die Familie.

Zu den wenigen Zeitgenossen, die Kafkas Werk angemessen zu würdigen verstanden, gehörte Hermann Hesse, der 1935 über ihn schrieb:

«Dieser Prager Jude Kafka, gestorben 1924, hat wohl jeden, der zum erstenmal etwas von ihm las, irritiert und fasziniert. Viele freilich negativ, indem er sie verwirrte und abstieß. Mich hat er, seit ich vor 18 Jahren zum ersten Mal eine seiner magischen Erzählungen las, immer und immer wieder tief beschäftigt. Kafka war ein Leser und jüngerer Bruder von Pascal und von Kierkegaard, und er war ein Prophet und ein Opfer. Man wird über diesen versponnenen Juden, der ein vorbildliches Deutsch geschrieben hat, über diesen pedantisch-exakten Phantasten, der viel mehr war als nur ein Phantast und Dichter, noch nachdenken und disputieren, wenn das meiste vergessen ist, was wir heut an deutscher Literatur unserer Zeit schätzen.»

Hermann Hesse, Gesammelte Werke Band 12, Schriften zur Literatur 2, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1987, S. 487

 

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