Friedrich Nietzsche

Zitate von Friedrich Nietzsche (333)

Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche: * 15.10.1844 im sächsischen Röcken – † 25.8.1900 in Weimar

Der Schlüssel zum Verständnis von Nietzsches Werken liegt mindestens eben so sehr in der Psychologie wie in der Philosophie. In seinen Briefen bezeichnet sich Nietzsche gern als Psychologe und besonders seine Aphorismen zeugen von einem psychologischen Scharfsinn, der einige Kritiker dazu veranlasste, in ihm den Begründer der Tiefenpsychologie zu sehen.

Im Alter von vier Jahren verlor Nietzsche seinen Vater und verbrachte von da an seine gesamte Kindheit und Jugend in einem familiären Umfeld, das ausschließlich aus Frauen bestand: Mutter, Schwester, Großmutter, zwei unverheiratete Tanten und ein Dienstmädchen. Das Fehlen männlicher Energie beeinflusste nicht nur das Frauenbild Nietzsches – das „Weib“ war für ihn der Inbegriff des Schwachen und Verlogenen -, sondern prägte auch seine philosophischen Gedanken, die im Kern eine Hymne auf die freien Starken und eine Schmähschrift gegen die versklavten Schwachen waren.

Das überfürsorgliche Regiment eines als schwach empfundenen familiären Matriarchats ließ Nietzsche zeit seines Lebens nach dem starken Mann suchen. Doch bevor er dessen Ideal heroisch als Übermensch auf die Bühne bringen konnte, musste er sich zunächst seinen Hass auf alles Schwache von der Seele schreiben. Die welthistorische Verkörperung des Schwachen sah er im „dekadenten Christentum“, das seiner Einschätzung nach von einer verlogenen, auf Leid und Mitleid basierenden Moral gegründet war. Psychologisch betrachtet war dies zweifellos eine Projektion, und Projektionen sagen gewöhnlich mehr über das projizierende Subjekt aus als über das Objekt der Projektion.

Doch Nietzsche, der selber unter psychosomatisch bedingten Schwächeanfällen litt, von Migräne, Schlaflosigkeit und Depressionen heimgesucht wurde, hatte sich mit psychologischem Spürsinn ein Projektionsopfer ausgesucht, das bereits weidwund war, und dessen Zeit für den finalen Blattschuss gekommen zu sein schien.

Kurz vor Ausbruch seiner schweren Krankheit schreibt Friedrich Nietzsche in einem Brief an Georg Brandes anlässlich des Erscheinens von Ecce homo (20. November 1988):

«Ich bin zuletzt der erste Psychologe des Christentums und kann, als alter Artillerist, der ich bin, schweres Geschütz vorfahren, von dem kein Gegner des Christentums auch nur die Existenz vermutet hat. – Das ganze ist das Vorspiel der „Umwertung aller Werte“, des Werks, das fertig vor mir liegt: ich schwöre Ihnen zu, daß wir in zwei Jahren die ganze Erde in Konvulsionen haben werden. Ich bin ein Verhängnis.»

Zwei Jahre später saß das Christentum zwar immer noch fest im Sattel, doch sollte Nietzsche mit seiner Prophezeiung nicht ganz unrecht behalten. Während noch Ende der Achtzigerjahre Nietzsche in Deutschland kaum bekannt war, begannen seine Lehren in den 90er Jahren sich zunächst in Europa und schließlich über die ganze Welt zu verbreiten. Zwar ist es Nietzsche nicht völlig gelungen, dem Christentum den Todesstoß zu versetzen, doch hat es seit Nietzsche seine Rolle als geistige Führungsmacht in der Welt weitgehend eingebüßt.

Die Artilleriegeschütze, die Nietzsche gegen das Christentum aufgefahren hatte, konnten deshalb eine so zerstörerische Wirkung erzielen, weil Nietzsches Demaskierungen nicht bloß Religionskritik bedeuteten, sondern die moralischen Grundlagen der westlichen Zivilisation infrage stellten.

Moral und Dekadenz sind für Nietzsche Symptome eines Vitalitätsverlustes, da sie aus der Leugnung des fundamentalen Lebensprinzips resultieren, das er mit den Worten beschreibt: «Leben ist Wille zur Macht.»

Im Willen zur Macht sieht Nietzsche den Dualismus von Gut und Böse aufgehoben, weshalb er seine eigene Philosophie als Jenseits von Gut und Böse verstanden wissen will. Vorbilder für eine Lebensweise jenseits aller Moral sind für ihn unter anderen das rauschhafte, grenzüberschreitende Dionysische bei den alten Griechen, der in Dostojewskis Romanen beschriebene Verbrechertyp ohne Reue und Gewissensbisse sowie vor allem seine eigene Schöpfung, der grenzgängerische Übermensch in Also sprach Zarathustra.

Im Übermenschen sah Nietzsche eine Art „Übermoral“ verkörpert, die nicht – wie die Moral – aus lebensfeindlichen Einschränkungen des Handelns besteht, sondern aus der freien Entscheidung resultiert, sich für eine Höherentwicklung des Menschen einzusetzen. Dabei hatte er nicht das Wohl der Massen im Auge, sondern einzelne Exemplare der Menschengattung, die die Kunst des Ewig-sich-selber-Schaffens und Ewig-sich-selber-Zerstörens als Ewig-Wiederkehrende ausüben sollten. Es sei kein zu hoher Preis, wenn dafür der an einer Sklavenmoral gefesselte Herdenmensch geopfert werden müsse.

«Ich bin ein Verhängnis.» Auch diese zweite Prophezeiung aus dem Brief an Brandes sollte Realität werden. Dass die Nationalsozialisten sich auf Nietzsche beriefen, ist keine Willkür, sondern eine psycho-logische Konsequenz. Der Wille zur Macht, das Recht des Stärkeren, das entartete Leben, der Übermensch und der daraus abgeleitete Untermensch sind nur wenige Beispiele dafür, wie Nietzsche denen das Vokabular lieferte, die seine Idee vom Übermenschen ad absurdum führten. Der beispiellose Vernichtungsfeldzug der Nazis brachte Millionen von Opfern unter die Erde, doch keinen einzigen Übermenschen zur Welt.

Man würde hinter Nietzsches befreiender Moralkritik zurückfallen, wollte man ihm die furchtbaren Früchte seiner Lehre moralisch anlasten. Dennoch muss sich der Autor posthum die Frage gefallen lassen, wie es zu einem so dunklen Kapitel in der Rezeptionsgeschichte seines Werkes kommen konnte.

Den Hauptgrund dafür sehe ich in einer psychologischen Konstellation, aus der eine historische Verbindung zweier Lebensentwürfe resultierte, die zunächst gegensätzlich erscheinen, in Wirklichkeit aber kompatibel sind und zu zerstörerischen Synergieeffekten geführt haben. Nietzsche war ein „Liebesflüchtling“, der die Überfürsorglichkeit seines familiären „Weiberclans“ als verlogen und erdrückend empfand und sich – wie vor allem seine Briefe belegen – Liebe und Anerkennung durch Rückzug in seine schriftstellerische Tätigkeit erhoffte. Hitler war ein „Liebesentzögling“, der, von seinem Vater bestialisch gedemütigt und geprügelt, Liebe und Anerkennung in der Öffentlichkeit der Volksgemeinschaft suchte.

Wo Sehnsucht nach Liebe chronisch im Vordergrund steht, das heißt, wo Liebe nicht gegeben und empfangen werden kann, da bleiben letztlich nur zwei Alternativen übrig: Resignation oder Wille zur Macht. Auf sehr unterschiedliche Weise haben Nietzsche und Hitler diesen Willen gelebt, und beide waren auf je eigene Art Zerstörer. Über die Fruchtbarkeit der geistigen Zerstörungsarbeit Nietzsches besteht heute weitgehend Einigkeit. Aber auch für Hitlers Zerstörungswerk gilt der Spruch von Friedrich Schelling:

«Die Erregung des Eigenwillens geschieht nur, damit die Liebe im Menschen einen Stoff oder Gegensatz finde, darin sie sich entwickelt.»

 

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