Wilhelm Busch: Wer rudert, sieht den Grund nicht.

Wer rudert, sieht den Grund nicht.
Wilhelm Busch

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Quelle: Was beliebt ist auch erlaubt, Sämtliche Werke II, 4. Aufl. 1988: München, Bertelsmann Verlag, , S. 868, Aphorismen und Reime, ISBN: 3570030040

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Eine Interpretation zu “Wer rudert, sieht den Grund nicht.

  1. Andreas Tenzer, Köln im März 2008

    Ob in einem stillen Gewässer, ob mit dem Strom oder gegen ihn: Der Ruderer setzt die Kraft seiner Arme ein, um sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Sein Blick ist horizontal ausgerichtet. Er steuert sein Boot an der Oberfläche des Elementes, das ihn trägt und dessen Tiefe ihn nur insoweit interessiert, wie sie ihm sein Vorankommen ermöglicht.

    Der Ruderer kennt seine vordergründigen Beweggründe: Er will seine Muskeln stählen, seine Kondition verbessern, seine Kräfte messen, einen Preis gewinnen oder sich einfach nur in freier Natur bewegen. Der Grund, auf dem er sich bewegt, wird ihm einerseits durch sein Boot verstellt, andererseits durch die zielgerichtete Konzentration, die seine Aktivität begleitet. Jede Blickverengung wirkt punktuell leistungssteigernd. Aber wie beim Mikroskop wird auch jede Zunahme der Vergrößerungskraft mit einer Verkleinerung des Blickfeldes bezahlt.

    Den Vergrößerungsapparaten – als Instrumente der Konzentration – verdanken wir ganz wesentlich den Fortschritt in Wissenschaft und Technik der letzten Jahrhunderte. Die damit verbundene Ausweitung von Konsummöglichkeiten haben wir uns jedoch mit einer Verstellung des Blicks für das Ganze, das heißt mit Sinnverlust, erkauft. Bereits vor mehr als zweieinhalb Tausend Jahren hat der Taoist Laotse vor den Konsequenzen einer rein immanenten Geschäftigkeit gewarnt, die die jeder Handlung innewohnende transzendente Dimension ignoriert.

    Die Hauptströmungen der östlichen Philosophie, allen voran Taoismus, Buddhismus und Hinduismus, haben daraus jedoch nicht den falschen Schluss gezogen, dass der Mensch sich vom aktiven Leben gänzlich fernhalten solle. Der Ruderer braucht seine Paddel nicht abzugeben, wenn es ihm gelingt, bei seiner Tätigkeit weder den Grund des Gewässers, auf dem er sich bewegt, aus den Augen zu verlieren, noch den existenziellen Grund seines Daseins. Dem fest im Urgrund des Ganzen verankerten flexiblen Ruderer gelingt das Kunststück, gleichzeitig zu rudern und nicht zu rudern. Diese dem westlichen Denken paradox anmutende Betrachtungsweise wird im Taoismus als Wu wei bezeichnet und bedeutet Einsicht in die Tatsache, dass das absolute „Subjekt“ allen Handelns das Tao ist – als Gesamtheit aller Möglichkeiten und Wirklichkeiten.

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