Eine Interpretation zu “Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang

  1. Andreas Tenzer, Köln im September 2007

    «Ich meine es doch nur gut mit dir!» Wer hat diesen Spruch nicht schon mal gehört? Dahinter steckt ein psychologischer Imperialismus, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass man selber besser als der andere weiß, was gut für ihn ist. In Kombination mit „guten“ Ratschlägen und einer scheinbar altruistischen Hilfsbereitschaft ist dieser Spruch für jedes ratgeschlagene und verholfene Opfer entwaffnend.

    Der missionarisch Gutmütige bietet kaum Angriffsfläche, da er es offenbar immer gut meint. Hat er die imperiale Grundmotivation seiner Gutmütigkeit erfolgreich verdrängt, ist er besonders gefährlich, weil er von seiner Güte vollkommen überzeugt ist. Da in diesem Fall ein Kampf gegen die Invasion der Güte mangels Angriffsfläche als wenig aussichtsreich erscheint, bleiben dem mit imperialer Güte bombardierten Opfer in der Regel nur zwei Alternativen: Kapitulation vor dem „guten“ Imperator durch Unterwerfung unter seinen guten Willen – oder Flucht vor dem übermächtig freundlichen Feind.

    Für Nietzsche kam weder Kapitulation noch Flucht vor dem Feind infrage. So blieb ihm nur der scheinbar aussichtslose Kampf. Vier Jahre war er alt, als sein Vater starb. Von da an wurde er erzogen von seiner Mutter, zwei unverheirateten Tanten, einem Kindermädchen und seiner Großmutter. Als Reaktion auf die mit überfürsorglicher Gutmütigkeit bewaffnete weibliche Armada erklärte Nietzsche nicht nur der familiären Gutmütigkeit den Krieg, sondern allen Weltanschauungen und Mächten, die auf dem Prinzip Güte aufgebaut sind.

    Dass Nietzsche im Christentum seinen Hauptfeind entdeckte, war naheliegend. Im Kampf gegen seinen heimischen Weiberclan hatte er einen detektivischen Spürsinn entwickelt für alle schwachen Menschen und Institutionen, die ihre eigene Stärke aus der Schwächung anderer beziehen. Der Hauptvorwurf gegen das nach Nietzsches Überzeugung dekadente Christentum bestand darin, dass es mit missionarischem Eifer den Menschen einen fremden Willen einimpfen will, um ihren eigenen Willen zur Macht und zur freien Entfaltung zu betäuben.

    Wer die paralysierenden Injektionen bereitwillig über sich ergehen lässt, dessen Muskeln erschlaffen ebenso wie sein Geist. Er mutiert zum willfährigen Sklaven einer Herdenmoral, die am geistigen Fließband schwache Schafsnaturen erzeugt.

    Als gebranntes Kind war Nietzsche der Blick für eine Gutmütigkeit der Stärke zunächst verstellt. Erst in der Gestalt des Übermenschen im Zarathustra finden sich Hinweise darauf, dass er genau diese Form der Gutmütigkeit gesucht hat: den freien, willensstarken Menschen, dessen Vater nicht im Himmel wohnt, sondern auf Erden; ein Mensch, der keinen Gott mehr braucht, weil er sein eigener Vater ist. Nietzsches Übermensch ist immun gegen alle Injektionen der imperialen Schwäche.

    Der Preis, den er für die Befreiung von einer als Gutmütigkeit getarnten falschen Liebe bezahlen muss, ist ein Leben, das im wesentlichen aus Kampf besteht. Der Lohn dieser Befreiung besteht in der Möglichkeit, in sich und in der Welt eine Gutmütigkeit zu entdecken, die frei ist von jeglicher Instrumentalisierung, das heißt die seltene Form der übermenschlich mächtigen, unsterblichen Liebe, in der Eigenwille und Schöpfungswille eine unzertrennliche Einheit bilden.

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