Johann Wolfgang von Goethe: Vollkommenheit ist die Norm des Himmels,

Vollkommenheit ist die Norm des Himmels, Vollkommenheit wollen die Norm des Menschen.
Johann Wolfgang von Goethe

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Quelle: Maximen und Reflexionen, Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 12, 9. Aufl. München: dtv, 1981, S. 531, ISBN: 3423590386

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Eine Interpretation zu “Vollkommenheit ist die Norm des Himmels,

  1. Thomas Fürniß im August 2012

    Das vorliegende Zitat inspiriert die Frage nach der Beziehung zwischen dem Relativen und dem Absoluten, zwischen den relativen Bedingtheiten des Menschen auf dieser Erde und den absoluten Seinsweisen des Himmels, des Göttlichen. Das Zitat spricht aus, dass der Himmel, das Göttliche, bereits vollkommen ist und dass der Mensch nach dieser Vollkommenheit strebt, sie will. Hier ist also eine Suche und ein Forschen oder auch eine Bewegung, eine Entwicklung angesprochen, vielleicht eine Sehnsucht, die dem Relativen zugrunde liegt als Norm und Richtschnur und Zielpunkt, als Omegapunkt. Nun wird in diesem Zitat nicht die Zeit explizit angesprochen, denn in der relativen Bedingtheit der irdischen Welt erfolgt eine Entwicklung entlang dem, was von uns Menschen Zeit genannt wird.

    Das Göttliche aber, wenn es absolut ist, muss dann auch von Zeit und Entwicklung unabhängig sein, denkt man vielleicht. Diese damit verbundenen gedanklichen Probleme, die eine Trennung zwischen dem Absoluten und dem Relativen einführen würden, können nur begriffen werden, wenn angenommen wird, dass das Relative und das Absolute zusammen fallen, das heißt: Eins sind. So gesehen ist dann die Vollkommenheit des absoluten Himmels mit der Vollkommenheit der relativen Welt identisch. Die göttliche Vollkommenheit, die angeblich erstrebt wird, ist bereits verwirklicht und bedarf keiner Zeit zu ihrer Verwirklichung. In Bezugnahme auf den Menschen heißt das, dass er bereits vollkommen ist und er sich dennoch entwickelt, verändert, nämlich von Vollkommenheit zu noch tiefer gehender Vollkommenheit.

    Wer sich selbst fragt oder Freunde und Bekannte fragt, ob sie sich für vollkommen halten, dann werden die meisten dies verneinen, vielleicht sogar vehement ablehnen, im Glauben, sie müssten erst irgendwann in der Zukunft vielleicht – aber vielleicht auch nie – die Vollkommenheit erlangen. Das ist ein Trugschluss. Denn, wenn nicht jetzt, wann dann? Wer will den Startschuss der eigenen Vollkommenheit geben, wer will den Beweis und die Bestätigung geben, dass der Mensch vollkommen ist, wann soll dies geschehen, unter Verwendung welcher Kriterien? Wer nur soll dies aussprechen? Wer ist hier die eigentliche Autorität?

    Es kann nur der Mensch selbst sein, Sie, er, sie, die anderen, du und ich, die ihr Leben leben und das ganze Dasein als bereits vollkommen sehen, ja, als vollkommen erschauen, es dabei nicht lediglich als vollkommen definieren, sondern es tief empfindend als vollkommen gewahr werden. Schaut man sich das Wachstum einer Zimmerpflanze an, der Orchidee zum Beispiel – wann ist dieses Leben nicht vollkommen? Zu welchem Zeitpunkt sollte das sein? Ist sie erst vollkommen, wenn die Blüte erblüht? Dann hätten wir eine Definition von Vollkommenheit, aber das trifft nicht zu, das wäre nur unsere Vorstellung, die aufgrund unserer Erfahrung, unseren Schlussfolgerungen und unseren Voreingenommenheiten bzgl. Schönheit und Vollkommenheit erfolgen würde. In Wahrheit ist die Orchidee zu jedem Zeitpunkt vollkommen. Genauso ein Kind: ist ein Säugling nicht bereits vollkommen? Oder ein Schuljunge? Oder ist er erst vollkommen, wenn er das Abitur gemacht hat, den Uniabschluss, den Doktorgrad, den Nobelpreis gewonnen? Wann, wenn nicht in jedem Augenblick?

    Wir alle sind Orchideen, die in jedem Augenblick vollkommen sind, weil das Relative und das Absolute Eins sind – und dies verwirft nicht den Gedanken und das Faktum der Entwicklung, Bewegung und Veränderung. Wir bewegen uns alle von Vollkommenheit zu Vollkommenheit, die immer tiefer erschaut, was dieses unendliche Universum in Wahrheit ist. Nur unser Unglaube und Widerstand, unsere gedanklichen Gewohnheiten und Voreingenommenheiten, halten uns von dieser Erkenntnis ab. Vollkommen ist jemand nicht, weil er sich unseren Erwartungen von Vollkommenheit gemäß verhält, sondern weil er durch sein Dasein bereits diese Qualität der Vollkommenheit in jedem Augenblick geerbt hat.

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