Friedrich Nietzsche: Stille Stunden

Die größten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.
Friedrich Nietzsche

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Quelle: Also sprach Zarathustra, Werke II, 6. Aufl. Frankfurt am Main u. a.: Ullstein, 1969, S. 660, Zweiter Teil, Von großen Ereignissen, ISBN: 354803229X

Übersetzung englisch: The greatest events – these are not our loudest but our most silent hours.

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Eine Interpretation zu “Stille Stunden

  1. Andreas Tenzer, Köln im März 2012

    Seit jeher hat der Mensch den äußeren Ereignissen mehr Bedeutung beigemessen als den Vorgängen, die sich in seinem Innern ereignen. Wann diesbezüglich eine Kopernikanische Wende stattgefunden hat, lässt sich zwar nicht präzise datieren, doch waren im 19. Jahrhundert Dostojewskis Roman Schuld und Sühne sowie Nietzsches Gesamtwerk zweifellos Meilensteine in dieser Richtung, weshalb beide als führende Wegbereiter der modernen Psychologie angesehen werden. Im 20. Jahrhundert spielten dann bei Autoren wie Marcel Proust oder Robert Musil die äußeren Ereignisse im Verhältnis zur detaillierten Beschreibung menschlicher Innenwelten bereits eine zu vernachlässigende Größe.

    Nach landläufiger Vorstellung sind Innenwelten ereignisarme Dimensionen des menschlichen Geistes. Diese Einschätzung ist insofern zutreffend, als unter Ereignis gewöhnlich ein Vorkommnis in der äußeren Welt verstanden wird. Ignoriert wird dabei jedoch, dass die meisten äußeren Ereignisse auf Prozessen basieren, die sich zuvor in Innenwelten „ereignet“ haben. Alles Wirkliche kommt aus dem Reich der Möglichkeiten, was Robert Musil dazu veranlasst hat, von einem Möglichkeitssinn zu sprechen, der jederzeit in der Lage ist, das Augenmerk von außen nach innen zu wenden.

    Alles Mögliche, solange es noch nicht äußere Wirklichkeit geworden ist, tut sich schwer damit, sich in der Welt Gehör zu verschaffen. Seine leise innere Stimme wird gewöhnlich von der lauten Wirklichkeit übertönt. Das gilt nicht nur im Verhältnis zu Dritten, sondern trifft auch auf die Relation von Innen- und Außenwelten innerhalb des Individuums zu. In Unzeitgemäße Betrachtungen schreibt Nietzsche: «Es geht geisterhaft zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir allein und still sind, daß uns etwas in das Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit.»

    Aus Angst vor unkontrollierbaren Möglichkeiten neigt der Mensch dazu, sich berechenbare Wirklichkeiten zu konstruieren. Die laute Welt der großen Ereignisse bietet ihm eine Fluchtburg vor den stillen Wahrheiten, die bei jedem Atemzug von innen gegen die Eierschale des eingeschlossenen Selbst picken. Doch die meisten Menschen halten das Ei, in dem sie leben, für die Welt. Je heftiger es von außen geschüttelt wird, desto mehr empfinden sie sich als deren lebendiger Mittelpunkt.

    Nietzsche sieht in der Stille die Chance, aus dem Ei zu schlüpfen. Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass äußere Welten illusionäre Konstruktionen sind, sofern sie nicht bewusst in der kontemplativen Stille geboren werden. Deshalb sind Impulse, die wir aus der Stille empfangen, die größeren Ereignisse. Sie sind es, die darüber entscheiden, was und wie wir in der Welt sind – ob wir ein Spielball sind oder ein spielender Ball.

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