Eine Interpretation zu “Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür

  1. Andreas Tenzer, Köln im März 2012

    Um eine Tür öffnen zu können, müsste diese die Verbindung zwischen einem äußeren Raum und einem Innenraum darstellen. Rumi bezieht sich hier auf die landläufige Vorstellung, dass sich die Türen zwischen den Herzen zweier Menschen öffnen, wenn sie sich lieben. Da Liebe aber die absolute Verbindung bedeutet und somit auch die Abwesenheit jeglicher Begrenzung, braucht die Liebe keine Öffnung. Sie ist nichts anderes als eben dieser Zustand des absoluten Offenseins.

    Der Gedanke, man könne durch die Öffnung einer Tür eine liebevolle Verbindung zu einem Du herstellen, basiert also auf der falschen Vorstellung, dass es eine Mauer zwischen Ich und Du gibt, die durch das Öffnen von Türen durchlässig werden könnte. Wo es aber keine Mauern gibt, kann es naturgemäß auch keine Türen geben.

    Rumi möchte mit seinen bildhaften Worten auf die Illusion hinweisen, der die meisten Menschen unterliegen, wenn sie zu lieben glauben. Wer sein Ego-Gemäuer einen Spalt breit öffnet, mag die dadurch erzielte Verbindung nach außen zwar als Befreiung empfinden, doch dieses begrenzte Sich-Öffnen hat wenig mit Liebe zu tun. Bestenfalls können sich die «Geliebten» in ihren Kammern gegenseitig besuchen, aber immer nur als zwei Seiten, die in ihrem Ich und Du verharren.

    Liebe ist abgetrennten Räumen nicht überlebensfähig. Sie ist seit jeher der unbegrenzte Raum und die endlose Zeit, das heißt, sie ist der Zustand, in dem wir uns befinden, ehe wir raum-zeitliche Mauern errichten. Was ist aber, könnte man fragen, wenn ich einmal eine Mauer gebaut habe, bin ich dann für immer von der Liebe ausgesperrt, oder könnte ich die Mauer auch wieder niederreißen?

    Letzteres würde keinen Sinn machen, da unsere Ego-Mauern kaum einen einzigen Atemzug überleben, denn mit jedem dualistischen Gedanken errichten wir sie neu. Liebe ist nichts anderes als der Verzicht auf den Mauerbau. Damit es weder Mauern noch Türen gibt, müssten wir unser egozentrisches Denken und Handeln aufgeben. An anderer Stelle weist Rumi unzweideutig auf diesen Zusammenhang hin:

    Fragst du: «Was ist Liebe?», sage ich: «Den Eigenwillen aufzugeben.»

    Rumi: Die Lehren des Rumi, München: dtv, 2006, S. 90

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