Eine Interpretation zu “Man kann seiner eignen Zeit nicht

  1. Andreas Tenzer, Köln im Februar 2007

    Robert Musil war seiner eigenen Zeit böse und hat dabei offensichtlich Schaden genommen. Seine Biografen berichten fast übereinstimmend, Musils Lebenswille habe in seiner zweiten Lebenshälfte deutlich abgenommen.

    Der kristallklare Spiegel, den er wie kaum ein anderer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts auf subtile Weise seiner eigenen Zeit vors Gesicht hielt, hat bei ihm selber Lähmungserscheinungen ausgelöst, die aufzulösen sein eigentlicher literarischer Antrieb war. Das war der Preis, den er für sein konsequentes Nichtwegsehenwollen bezahlte.

    Quantenphilosophisch und tiefenpsychologisch informiert wie inspiriert, ist er in Tiefenregionen des individuellen und gesellschaftlichen Daseins vorgedrungen, die ihn die drückende Last seiner Zeit ebenso schwer auf seinen Schultern spüren ließ wie das Drama seiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Hier sind Parallelen zu Franz Kafka unverkennbar. Anders als dieser hat Robert Musil jedoch der desillusionierenden kalten Wirklichkeit etwas entgegengestellt, was er den Möglichkeitssinn nannte, das heißt die Fähigkeit, hinter allem Realen das zu sehen, was ebensogut hätte Wirklichkeit werden können.

    Für Musil war diese Sichtweise nie eine Flucht ins Irreale, sondern eine Überlebensstrategie in einer Zeit, die sich auf Gedeih und Verderb mit dem Tod verbündet hatte. Dabei hat er eine Perspektive eingenommen, die weit über seine Zeit hinausweist, quasi eine philosophia perennis im Zeitalter von Auschwitz und Quantenphysik.

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