Eine Interpretation zu “Jedes andere Gefühl als das grenzenlose

  1. Andreas Tenzer, Köln im März 2007

    Viele Menschen erleben Gipfelerfahrungen, in denen momenthaft die Dualität von Sein und Bewusstsein aufgehoben ist, so als hätten sich für einen winzigen Augenblick die Himmelsschleusen geöffnet.

    Wie Heroin kann eine einzige Erfahrung dieser Art süchtig machen. Bei den Schamanen spricht man von einer Schamanenkrankheit, wenn eine zwanghafte Veranlagung zu chronischer Liminalität gegeben ist, das heißt zu einer Haltung zum Leben, in der fast ausschließlich den grenzüberschreitenden Momenten Bedeutung beigemessen wird. Krankhaft ist eine solche Lebenseinstellung jedoch nur, wenn es dem chronischen Grenzgänger zwischen Diesseits und Jenseits nicht gelingt, seine mystischen Erfahrungen in das alltägliche Leben zu integrieren.

    Bedenkt man, dass es zu Musils Zeiten noch keine transpersonale Psychologie gab, die bei der Integration eine wertvolle Hilfestellung hätte bieten können, ist es nicht verwunderlich, dass Musil sich zunehmend einsam gefühlt haben soll und sich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzog. Zu groß wurde für ihn die gefühlsmäßige und geistige Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Wirklichkeit. Wer wie Musil das grenzenlose Gefühl mystischer Gipfelerfahrungen (als bedingungslose Hingabe/Liebe) kennt, kann nachvollziehen, warum für ihn jedes andere Gefühl wertlos werden konnte.

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