Eine Interpretation zu “Je länger man vor der Tür

  1. Andreas Tenzer, Köln im März 2012

    Die Tür ist als Metapher für ein menschliches Grundbedürfnis zu verstehen, das darauf ausgerichtet ist, neue Räume zu betreten und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

    Wenn wir vor einer Tür stehen, haben wir drei Entscheidungsmöglichkeiten: Wir können entschlossen den Türgriff betätigen und den neuen Raum betreten. Ebenso resolut können wir uns gegen den Eintritt entscheiden und uns stattdessen neuen Türen zuwenden, hinter denen wir vielversprechendere Räume vermuten. Schließlich können wir gleichzeitig den Wunsch nach Eintritt verspüren, und einen Widerstand, der uns zweifeln lässt, ob die Befriedigung dieses Bedürfnisses für uns eine gute Entscheidung wäre.

    Sind Wunsch und Widerstand in etwa gleich groß, dann befinden wir uns im Schwebezustand des Zögerns. Uns fehlt es gleichermaßen an Entschlusskraft, den Raum zu betreten, wie dem ins Visier genommenen Eingang den Rücken zu kehren. Um uns aus dieser Pattsituation zu befreien, werden wir innere Gedankenspiele zulassen, in denen das Für und Wider des Eintretens abgewogen wird. Ergibt sich daraus ein klarer Trend, werden wir entweder hinein- oder fortgehen.

    Was aber, wenn im Prozess der Abwägung sich beide Impulskräfte als gleich stark erweisen? Dann besteht die Gefahr, dass das Hin- und Herüberlegen zu einem Dauerzustand ausartet, zu einer Falle, aus der es kein Entkommen gibt. Wir befinden uns in einem existenziellen Zustand des Zögerns, weil wir uns weder zu einem klaren Ja noch zu einem Nein durchringen können.

    Als Außenstehender könnte man dem Unentschlossenen den Rat erteilen, sich doch einfach von der Tür abzuwenden und nach einer anderen Ausschau zu halten. Dieser Hinweis kann einem existenziell Zögernden jedoch deshalb nicht weiterhelfen, weil er bereits zu viel Lebenskraft in den Versuch investiert hat, an dieser Stelle zu einer Entscheidung zu kommen. Er hat alles auf eine Karte gesetzt und so eine Situation herbeigeführt, in der sich sein ganzes Schicksal entscheiden muss. Die mobilisierten konträren Gedankenkräfte haben eine Macht über ihn gewonnen, die die beiden Alternativen Fortschritt oder Rückzug nur noch als theoretische Überlegungen und nicht mehr als praktische Handlungsoptionen offen lässt.

    Obwohl der Entscheidungsunfähige diese Macht durch sein lähmendes Denken selbst konstruiert hat, erscheint sie ihm nun als eine fremde Besatzungsmacht, der er ohnmächtig ausgeliefert ist. Er ist sich selbst fremd geworden, weil er die Herrschaft über sich selbst verloren hat. Er ist, wie Kafka an anderer Stelle formuliert, «dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt» und das «ist niemals gutzumachen».

    Noch dramatischer als in dem hier interpretierten Aphorimus hat Kafka die lähmenden Folgen der Hyperreflexion in seiner Kurzgeschichte „Vor dem Gesetz“ geschildert, in der der tragische Held am Ende erfährt, dass die Tür, vor der er sein ganzes Leben zögernd verbracht hatte, die einzige war, die ihm den Eintritt in das Reich seines Selbst hätte ermöglichen können.

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