Antoine de Saint-Exupéry: Hier mein Geheimnis. Es ist ganz

Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Antoine de Saint-Exupéry

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Quelle: Der Kleine Prinz, 63. Aufl. Düsseldorf: Karl Rauch, 2006, S. 72, ISBN: 379200027X

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Eine Interpretation zu “Hier mein Geheimnis. Es ist ganz

  1. Andreas Tenzer, Köln im Juli 2013

    Das Geheimnis ist ganz einfach. Jeder könnte es sehen. Der Grund, warum nur wenige es sehen, liegt darin, dass es für die Augen unsichtbar ist. Die meisten Menschen sehen mit den Augen und halten deren Bilder für die einzige Wirklichkeit.

    Was wir mit den Augen sehen, ist aber für Saint-Exupéry nur die Wirklichkeit, wie sie uns erscheint, also nur die Erscheinung einer Scheinwirklichkeit, die wir als objektive Wirklichkeit bezeichnen. Sie ist der Wirklichkeit sehr ähnlich, die das Objektiv eines Fotoapparats ablichten kann. Diese Ablichtung ist aber nur der Abglanz eines Lichtes, dessen Wesen die Augen nicht erfassen können.

    Für den Autor dieses inzwischen weltberühmten Zitats ist das irdische Augenlicht nur die Metapher für ein göttliches Licht, welches er an anderer Stelle als den Knoten bezeichnet, der alle Dinge miteinander verbindet. Das menschliche Auge sieht immer nur einen begrenzten Ausschnitt und kann deshalb nicht die Verknüpfungen erkennen, die allein allem Einzelnen Sinn verleihen.

    Das Ganze oder Wesentliche einer Erscheinung kann nur das Herz wahrnehmen. Es ist das Organ, das die Verbundenheit aller Dinge in und mit ihrem ursprünglichen, unwandelbaren und somit unendlichen Wesen sehen kann. Von den Augen lässt es sich nicht täuschen, denn seine einfache Weisheit lautet: „Nichts trägt einen Sinn in sich. Der wirkliche Sinn der Dinge liegt im Gefüge.“ Antoine de Saint-Exupéry: Ein Lächeln ist das Wesentliche, 2. Aufl. Stuttgart: Kreuz, 2007, S. 32 

    Um mit dem Wesentlichen in Berührung zu kommen, darf man seinen Augen nicht trauen. Diese skeptische existenzielle Grundhaltung gilt für alle Sinne, wie die folgende Aussage vermuten lässt: „Wenn du die Menschen verstehen willst, darfst du nicht auf ihre Reden hören.“ Antoine de Saint-Exupéry: Die Stadt in der Wüste, Citadelle, Düsseldorf: Karl Rauch, 1951, S. 347, Nr. 135 

    Die Gedanken eines Menschen offenbaren gewöhnlich dessen egozentrische Perspektive, die für das ganzheitliche Fühlen des Herzens blind und unempfänglich ist. Wir richten unsere Antennen auf mehr oder weniger bewusst ausgewählte Sender aus und glauben, auf diese Weise das Wesentliche zu erfahren. So empfangen wir aber stets nur das Echo dessen, was wir selbst in die Welt hinaus gerufen haben. Um mit dem Wesentlichen in Berührung zu kommen, müssten wir alle Antennen einfahren, die auf Egosignale ausgerichtet sind.

    Es ist gewiss kein Zufall, dass das Herz seit Menschengedenken als Zentrum der Liebesempfindung gedeutet wurde. Das offene Herz spürt bei allem, was wir aktiv oder passiv erleben, wie sich die Dinge im Gefüge anfühlen. Es verkrampft und sticht, wenn etwas nicht mit dem Ganzen im Einklang ist, und es tanzt fröhlich, wenn es Liebe gibt oder empfängt.

    Nur das Herz weiß, dass unter dem Gesichtspunkt des Ganzen allein die Liebe zählt. Die Liebe aber ist ein scheues Reh, das sich nur in der Stille zeigt. Sie ist der freiwillige Verzicht auf etwas Eigenes und das demütige Empfangen wie Weiterverschenken des Ganzen, oder wie der Autor es ausdrückt: „Die Liebe ist vor allem ein  Lauschen  im Schweigen.“ Antoine de Saint-Exupéry: Die Stadt in der Wüste, Citadelle, Düsseldorf: Karl Rauch, 1951, S. 494, Nr. 190

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