Marcel Proust: Es gibt Leiden, von denen man

Es gibt Leiden, von denen man die Menschen nicht heilen sollte, weil sie der einzige Schutz gegen weit ernstere sind.
Marcel Proust

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Quelle: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bde. 1-3 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 1639, Die Welt der Guermantes, Erster Teil, ISBN: 3518397095

Übersetzung englisch: There are sorrows of which we shouldn’t cure people because they are the only protection against more severe ones.

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Eine Interpretation zu “Es gibt Leiden, von denen man

  1. Andreas Tenzer, Köln im August 2011

    Marcel Proust führt als Beleg für seine These unter anderem den tödlich geendeten Versuch eines Facharztes an, Marcels Vetter von einem Magenleiden zu heilen. Der Spezialist hatte erkannt, dass die Krankheit psychogener Natur war, und hatte dem Vetter deshalb den strengen Rat erteilt, alles zu essen, wozu er Lust hätte. Er könne sicher sein, dass es ihm bekommen würde. Der Patient befolgte die Anweisung des Arztes und starb kurze Zeit später im Alter von 40 Jahren an Nierenversagen – mit einem gesunden Magen, wie Proust ironisch bemerkt. Die eingebildete, relativ harmlose Krankheit hatte den Vetter vor einer tödlichen bewahrt, so lange bis ein erfahrener, ignoranter Arzt ihn von seiner „Schutzkrankheit“ geheilt hatte.

    „Operation gelungen, Patient tot“, heißt es im Volksmund, und diese weise Erkenntnis trifft nicht nur auf Operationen im engeren medizinischen Sinne zu, sondern auf alle Eingriffe in das Gesamtsystem lebender Organismen, egal ob sie primär physischer oder psychischer Natur sind. Im Fall von Prousts Vetter hatte das Gesamtsystem des Patienten die Gefahr eines Nierenversagens erkannt und eine hochfunktionale Lösung für deren Vermeidung zur Verfügung gestellt. Unter Gesamtsystem verstehe ich hier diejenige Intelligenz in einem Organismus, die nicht nur über eine umfassende virtuelle Datenbank verfügt, in der sämtliche körperlichen, geistigen und seelischen Wirkfaktoren gespeichert sind, sondern auch, quasi mit der Präzision eines ausgereiften Quantencomputers, automatisch die Auswirkungen berechnet, die die Veränderung eines Einzelfaktors auf den Organismus als ganzem mit sich bringen würde.

    Jeder kennt den Typ des „wohlwollenden“ Menschen, der sich einbildet, schlauer zu sein als der in jedem Organismus wirksame „Quantencomputer“, und der noch nie etwas von Symptomverschiebung gehört hat. In diesem Fall wäre es Ignoranz, die ihn dazu veranlasst, jemanden mit gut gemeinten Ratschlägen zu bombardieren. Häufig steht aber auch hinter den Rat-Schlägen, die sie in Bud-Spencer-Manier locker aus der Hüfte zaubern – und dabei das Kunststück fertig bringen, die Schläge als Streicheleinheiten zu tarnen – nur der pure Wille zur Macht über den mit Rat zu Schlagenden. Begegnet man solchen Menschen, kann man vor ihnen gar nicht schnell und weit genug davonlaufen.

    Was kann nun aber ein Mensch tun, der von einem Leiden geheilt werden möchte, und sich nicht sicher ist, ob er dabei vom Regen in die Traufe käme? Gelänge es ihm, die Störsender zu orten, die die Verbindung zu seinem Gesamtsystem unterbrechen, wäre schon viel gewonnen, noch mehr, wenn es gelänge, die Störsender auszuschalten, die vor allem aus Gedanken bestehen, die einen aus der Gegenwart heraus in Vergangenheit oder Zukunft entführen. Es gibt wohl kein wirksameres Mittel gegen selbst verursachte sowie durch Fremdeinwirkung drohende Schäden als eine Präsenz, die einem bei allem was man tut, oder was einem widerfährt, spüren lässt, was es mit einem macht.

    Hätte Prousts Vetter über ein hohes Gewahrsein verfügt, das es ihm ermöglicht hätte, jederzeit seinen körperlichen, geistigen und seelischen Zustand wahrzunehmen, dann hätte das Frühwarnsystem seines Gesamtsystems Alarm geschlagen, lange bevor es zu den fatalen Folgen für ihn gekommen wäre. Auch wenn es ihm an der notwendigen Präsenz mangelte, hätte er dennoch auch durch Hilfe von außen geheilt werden bzw. heil bleiben können; sei es, dass ihn jemand davon überzeugt hätte, sich mit seiner Magenkrankheit abzufinden, oder gemeinsam mit ihm den Code für eine störungsfreie Kommunikation mit dem Gesamtsystem geknackt kätte.

    Die Schlussfolgerung aus Marcel Prousts Gedanken, der von außerordentlichem psychologischen Tiefsinn zeugt, könnte etwa lauten:

    Überlege dir genau, bevor du massiv in dein eigenes System eingreifst, oder Eingriffe von außen zulässt, oder selbst aktiv auf ein fremdes organisches System Einfluss nimmst, welche Folgen dieses Eingreifen auf den Gesamtorganismus haben könnte.

    Aus heutiger Sicht könnte man in dem Zitat das Wort „Menschen“ auch durch „Organismen“ ersetzen, denn die Botschaft gilt gleichermaßen für Zellen, Pflanzen, Tiere, Biotope und den ganzen Planeten.

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