Johann Wolfgang von Goethe: Es gibt eine Höflichkeit des Herzens;

Es gibt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußeren Betragens.
Johann Wolfgang von Goethe

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Quelle: Die Wahlverwandtschaften, Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 6, Romane und Novellen I, 10. Aufl. München: dtv, 1981, S. 397, II,5, ISBN: 3423590386

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Eine Interpretation zu “Es gibt eine Höflichkeit des Herzens;

  1. Andreas Tenzer, Köln im Januar 2007

    Die Höflichkeit des Herzens entspringt einer auf Selbstliebe gegründeten Liebe zur Schöpfung. Selbstliebe bedeutet, sich mit all seinem Licht und Schatten annehmen und herzlich umarmen. Die Haltung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen, spiegelt sich in allem, was uns begegnet, besonders in der Kommunikation mit anderen Menschen. Können wir uns selbst ganz annehmen, ist die Folge eine natürliche Wahrnehmung und liebevolle Begrüßung des anderen als das, was es ist, sei es Stein, Pflanze, Tier oder Mensch.

    Die Höflichkeit des Herzens zeigt sich vor allem darin, dass ein Mensch in seinem Denken, Fühlen und Handeln frei ist von hierarchischen Strukturen. Er schaut weniger auf das Trennende als auf das Verbindende. Sein Fokus ist auf das Sonnenhafte gerichtet, das in jedem Lebewesen latent oder manifest vorhanden ist, und das sich in jedem Akt des lichthaften Wahrnehmens und Wahrgenommenwerdens entflammt. Hierin unterscheidet sich die Höflichkeit des Herzens vom Zynismus des Zweifels, dessen schattenhaft fokussierter Blick zwanghaft auf das Dunkle im anderen gerichtet ist.

    Aber auch von einer narzistischen Projektion des Lichthaften auf andere Wesen ist die Höflichkeit des Herzens zu unterscheiden. Idealisierungen und Verteufelungen sind gleichermaßen pathologische Formen von Wirklichkeitsflucht. Die im Herzen verankerte Höflichkeit basiert dagegen auf einer Grundhaltung, wie sie in der modernen Psychologie von Thomas A. Harris so formuliert wurde; „Ich bin o.k., Du bist o.k.“

    Das „Bequeme“ dieser Haltung erkennt man leicht am Betragen der Menschen, die sie verkörpern. Sie erzeugen keine blockierenden Widerstände in der Kommunikation. Selbst die kritischsten Worte können freundlich aufgenommen und positiv verarbeitet werden, da die gegenseitige Wertschätzung jederzeit vorausgesetzt werden kann. Wo Höflichkeit des Herzens die Kommunikation regiert, da ist das „äußere Betragen“ von einer herzerfrischenden Offenheit geprägt.

Wenn Sie ein Zitat interpretieren möchten, können Sie mir Ihren Text gern über das Kontaktformular zukommen lassen. Die Anzahl der Wörter sollte circa 300 bis 600 betragen. Der Text sollte vor allem inhaltlich auf das Zitat Bezug nehmen und nicht nur Ihre Meinung zu dem angesprochenen Thema beinhalten. Andreas Tenzer.