Bibelzitate: Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr,

Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in Gottes neue Welt.
Bibelzitate

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Quelle: Die Bibel in heutigem Deutsch, Liechtenstein: Deutsche Bibelgesellschaft, 1994, NT S. 26, Matthäus 19.24, ISBN: 343801811X

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Eine Interpretation zu “Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr,

  1. Andreas Tenzer, Köln im Juli 2007

    Wohl kaum eine andere Bibelstelle ist so missverstanden worden wie Jesu Gleichnis vom Kamel und Nadelöhr. Wie so oft beginnt die Verwirrung bereits bei der Übersetzung. Einige Exegeten glauben, dass es wegen der Ähnlichkeit der griechischen Wörter für «Tau» und «Nadelöhr» zu einem Schreib- bzw. Übersetzungsfehler gekommen ist, was allerdings wenig an der Bedeutung des Gleichnisses ändern würde. Plausibler erscheint mir die Deutung, die sich auf die antiken Stadtmauern (zum Beispiel von Jerusalem) bezieht, die an manchen Stellen offenbar so schmal waren, dass ein Kamel nur mit Mühe hindurchkommen konnte und die deshalb – wie im heutigen Sinne – als «Nadelöhr» bezeichnet worden sein sollen.

    Legt man die letztere Interpretation zugrunde, dann sah Jesus den Himmel für die Reichen keineswegs hoffnungslos versperrt, sondern wollte nur darauf hinweisen, dass das Himmelstor eng sei und man seine Habe hinter sich lassen müsse, um es durchschreiten zu können. Eine solche Deutung deckt sich sowohl mit der Haltung vieler weiser Menschen von Laotse bis Gandhi als auch mit der Volksweisheit, dass man beim Tod nichts mit sich nimmt. Was es für den Reichen so schwer macht, die Himmelspforte zu passieren, wäre demnach die Versuchung, am Reichtum anzuhaften, das heißt, sich weitestgehend über materiellen Besitz zu definieren und immaterielle Werte zu vernachlässigen. Eine ähnliche Haltung vertraten die Stoiker, deren Gedanken um die Zeitenwende auch in der römischen Provinz Palästina verbreitet waren. Das stoische habere ut non besagt, dass man materiellen Gütern gegenüber immer die gleiche Haltung bewahren solle, unabhängig davon, ob man über sie verfügt oder nicht, anders formuliert: Es ist nicht wichtig, was man besitzt, sondern wie man besitzt.

    Hat ein Armer es leichter, in den Himmel zu kommen als ein Reicher? Der Tiefenpsychologe C.G. Jung zitiert zu dieser Frage ein schweizerisches Sprichwort: «Hinter jedem Reichen steht ein Teufel, und hinter jedem Armen – zwei.» Der Teufel, der hinter dem Reichen steht, ist wie gesagt die Versuchung, sich am Reichtum festzuklammern. Der zweite Teufel, der bei den Armen noch hinzukommt, ist die Gier nach Reichtum. So gesehen hätten es die Reichen also leichter, in den Himmel zu kommen, da sie sich «nur noch» vom Anhaften befreien müssen, während die Armen noch den Schritt vor sich haben, erst einmal zu Reichtum zu gelangen. Diese Schlussfolgerung trifft aber nur auf den Armen zu, der im Reichtum eine unabdingbare Voraussetzung für Glück und Zufriedenheit sieht. Nimmt er dagegen eine stoische Haltung zum Reichtum ein, oder betrachtet er im christlichen Sinne Reichtum als Instrument, um im Sinne Gottes zu wirken, so steht ihm die Himmelspforte genauso weit offen, wie dem Reichen, der nicht an seinem Besitz klebt.

    Heute wird in Deutschland viel über die Sozialverpflichtung des Eigentums (nach Artikel 14 des Grundgesetzes) diskutiert. Da sich die Politik im Zuge der Globalisierung mehr und mehr aus der Verantwortung gegenüber der Armut in der Welt zurückzieht, hängt das Überleben vieler Millionen von Menschen und ein menschenwürdiges Leben von Milliarden davon ab, inwieweit die Reichen dieser Erde bereit sind, ihren Besitz – soweit er über das hinausgeht, was sie zu einem zufriedenen Leben brauchen – freiwillig ihren notleidenden Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Wer als Reicher sich so verhält, braucht gar nicht auf einen Himmel im Jenseits zu warten. Jeder, der seinen Reichtum – sei er materiell oder ideell – in den Dienst der Schöpfung stellt, ist in dem Augenblick im Himmel, wo er es tut: Der Himmel ist Schöpfung in Liebe. Diejenigen aber, die in Leid und Tod von Mensch und Natur investieren, um sich immer mehr persönlich zu bereichern, schmoren bereits in der Hölle, ehe sie ihren letzten Atemzug getan haben. Kein Luxus dieser Welt kann über die innere Leere des Nimmersatten hinwegtrösten: Die Hölle ist ein unstillbarer Hunger.

    Ich habe den Eindruck, dass die Zahl der Reichen, die ihren Besitz sozialverantwortlich einsetzen, im Zeitalter der Globalisierung eher steigt als sinkt. Vielleicht ist hier ein Gesetz am Werke, dass Hölderlin mit den Worten beschrieb: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Sicherlich sind viele darunter, die sich überwiegend aus Prestigegründen sozial engagieren und dann trotz ihrer «guten Taten» in der Hölle oder im Bardo der Hungrigen Geister verweilen. Die Reichen aber, deren Gaben aus dem Herzen strömen, kommen nicht in den Himmel, sie sind der Himmel.

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