Eine Interpretation zu “Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum

  1. Andreas Tenzer, Köln im Mai 2007

    Warum gehen bestimmte Prophezeiungen in Erfüllung, andere dagegen nicht, und was geschieht, wenn zwei sich gegenseitig ausschließende Ereignisse prophezeit werden? – Niemand wird bezweifeln, dass nicht jede Prophezeiung in Erfüllung geht, denn wie oft ist nicht schon der Weltuntergang vorhergesagt worden. Und wer hat nicht bereits die Erfahrung gemacht, dass ihm – im Guten wie im Schlechten – etwas prophezeit wurde, oder er selbst fest an ein Ereignis geglaubt hat, das sich nicht bewahrheitet hat? Ist es also Zufall, ob eine Vorhersage sich erfüllt oder nicht, oder gibt es doch die sogenannte self-fulfilling prophecy ?

    In der Allgemeingültigkeit suggerierenden Form, mit der Watzlawick es im obigen Zitat beschreibt, existiert der Zusammenhang zwischen Prophezeiung und Ereignis zweifellos nicht. Das war auch dem Autor bewusst, der an anderer Stelle die Einschränkung machte, dass eine Prophezeiung geglaubt werden müsse, dass sie „als eine in der Zukunft bereits eingetretene Tatsache gesehen“ werden müsse, um sich erfüllen zu können.

    Reicht es aber aus, wenn jemand an die Erfüllung einer Prophezeiung glaubt? Zweifellos nicht! Würde uns jemand prophezeien, dass wir noch heute ohne Schutzanzug auf dem Mond spazieren gehen werden, würde auch unser fester Glaube an das vorhergesagte Ereignis dessen Eintreten nicht ermöglichen können. So ergibt sich eine weitere Einschränkung der obigen Aussage: Die Prophezeiung muss erfüllbar sein, um sich ereignen zu können.

    Angenommen, die bisher genannten Voraussetzungen sind gegeben, das heißt eine bestimmte Prophezeiung ist erfüllbar, und jemand glaubt fest an sie, tritt sie dann mit Notwendigkeit ein? Auch hier muss die Antwort Nein lauten, wie das folgende Beispiel verdeutlicht. Setzen an einem Roulettetisch mehrere Spieler auf unterschiedliche einzelne Zahlen (Pleins) in dem festen Glauben, dass die Kugel in das entsprechende Nummernfach fallen wird, so kann maximal ein Spieler den Gewinn eines Plein einstreichen. Ist damit Watzlawicks Aussage vollends widerlegt? Um sie zu rechtfertigen, könnte er behaupten, es gewinne jeweils der Spieler, der am stärksten an das Eintreten der qua Spieleinsatz dokumentierten Prophezeiung glaubt. Eine solche Behauptung lässt sich weder bestätigen noch widerlegen, da die Intensität des jeweils Geglaubten nicht objektiv messbar ist.

    Ist demnach Die Geschichte mit dem Hammer, in der Watzlawick das wohl berühmteste Beispiel für eine selbstkonstruierte Wirklichkeit liefert, nicht mehr als ein konstruktivistischer Mythos? Meine Antwort lautet Ja und Nein. Es ist unbestreitbar, dass Gedanken eine ihnen entsprechende Wirklichkeit anziehen. Wer hat diese Erfahrung nicht schon tausendfach gemacht? Aber konstruieren wir diese Wirklichkeit auch, und zwar in dem Sinne, dass die Gedanken notwendig zu einem Ereignis führen, das ihrem Muster entspricht?

    „Die Sterne machen geneigt, aber sie zwingen nicht.“ Dieses Thomas von Aquin zugeschriebene Zitat gilt nach meiner Einschätzung auch für den Konstruktivismus. Prophezeiungen im Sinne von für wahr gehaltene Vorstellungen erhöhen offenbar die Wahrscheinlichkeit, dass das Geglaubte zum Ereignis wird, führen aber nicht zwingend dazu (vgl. das Zitat von Thomas Hobbes: „Häufig ist die Prophezeiung die Hauptursache für das prophezeite Ereignis.“). Deshalb halte ich den sogenannten radikalen Konstruktivismus für eine verkürzte Interpretation von Wirklichkeit und würde einen ganzheitlichen Konstruktivismus bevorzugen, der neben dem Fürwahrhalten des Einzelnen die geglaubten Vorstellungen aller am Zustandekommen eines Ereignisses beteiligten Wesen sowie die relevanten äußeren Rahmenbedingungen berücksichtigt und schließlich eine Intentionalität des Ganzen zumindest als Möglichkeit ins Auge fasst, sei es als Schöpfer, Natur, Tao, Dharma, Karma usw. (spiritueller Konstruktivismus).

Wenn Sie ein Zitat interpretieren möchten, können Sie mir Ihren Text gern über das Kontaktformular zukommen lassen. Die Anzahl der Wörter sollte circa 300 bis 600 betragen. Der Text sollte vor allem inhaltlich auf das Zitat Bezug nehmen und nicht nur Ihre Meinung zu dem angesprochenen Thema beinhalten. Andreas Tenzer.