Friedrich Schelling: Die Kraft des Adlers im Flug

Die Kraft des Adlers im Flug bewährt sich nicht dadurch, daß er keinen Zug nach der Tiefe empfindet, sondern dadurch, daß er ihn überwindet, ja ihn selbst zum Mittel seiner Erhebung macht.
Friedrich Schelling

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Quelle: Zur Geschichte der neueren Philosophie, 4. Aufl. Leipzig: Reclam, 1984, S. 189 f., ISBN: B0000BUHQ2

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Eine Interpretation zu “Die Kraft des Adlers im Flug

  1. Andreas Tenzer, Köln im Januar 2007

    Wie ein gigantischer Magnet ziehen die Leidenschaften den Menschen in die tiefsten Abgründe. In der Hölle der Unterwelt hausen Spielsüchtige, Drogenabhängige, Kinderschänder, Lustmörder, Bankiers, Politiker, Richter, sofern sie dem Zug nach der Tiefe nicht standgehalten haben und so an ihrer Leidenschaft zugrunde gegangen sind.

    Doch wie ein Adler, der sich dem Tiefenzug gelassen hingibt, plötzlich einen gewaltigen Auftrieb erfahren und in die höchsten Gefilde aufsteigen kann, so können auch jene Gestalten sich über ihre Leidenschaften erheben und kraft ihrer über sich selbst hinauswachsen.

    Die Moral lehrt uns, wir müssten unsere Leidenschaften bändigen. Folgen wir ihr, dann sind wir kraftlos und werden – aller geistigen Höhenflüge und gesellschaftlichen Anerkennung zum Trotz – in die Tiefe hinab gezogen. Der Adler kennt keine Moral. Er fürchtet die Hölle nicht und kann deshalb so tief fallen, bis dem Zug der Tiefe die Kraft ausgeht. Dann erst setzt sein kraftvoller Flügelschlag ein und katapultiert ihn wie eine Sprungfeder nach oben.

    Wer seine Leidenschaften bekämpft, wird nie ein Adler sein. Nur wem es gelingt, deren Ziehkraft in Schubkraft zu verwandeln, wird sich – wie einst Buddha – von den Leiden, die sie schafft, befreien können. Moralisch in Ketten gelegte Leidenschaften sind der Weg, der aus Angst vor der Tiefe direkt in psychosomatische Höllenlandschaften führt, während den mutigen Adler der Auftrieb des Abgrunds in die Höhe treibt.

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