Khalil Gibran: Der Ermordete ist nicht ohne Verantwortung

Der Ermordete ist nicht ohne Verantwortung an seiner Ermordung.
Und der Beraubte nicht schuldlos an seiner Beraubung.
Der Rechtschaffene ist nicht unschuldig an den Taten des Bösen.
Khalil Gibran

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Quelle: Der Prophet, Zürich u.a.: Walther, 1998, S. 66, ISBN: 3530100161

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Eine Interpretation zu “Der Ermordete ist nicht ohne Verantwortung

  1. Andreas Tenzer, Köln im September 2009

    Die Aussage Khalil Gibrans basiert auf dem Grundsatz, dass alles, was geschieht, einen Sinn hat.

    In der westlichen Philosophie stützt sich dieser Grundsatz vor allem auf das aristotelische Resonanzgesetz, demzufolge Gleiches Gleiches anzieht bzw. erzeugt.

    Der östliche Begriff „Karma“ geht noch weiter, insofern er postuliert, dass jedes einzelne Schicksal die notwendige Folge früherer Handlungen der betreffenden Personen darstellt.

    Demzufolge wäre der Ermordete ein ehemaliger Mörder, der Beraubte ein früherer Räuber usw. Nach dem Karma-Gesetz wäre es aber ebenso möglich, dass sowohl der Mörder als auch der Ermordete durch eine Kette von verschiedenen Vergehen so viel negatives Karma angesammelt haben, dass es zu deren Ausgleich eines Mordes bedarf, dem sie im spirituellen Sinne beide zum Opfer fallen, da auch der Mörder – durch Ansammlung negativen Karmas – die Folgen seiner Tat für die Zukunft vorprogrammiert. Der Dalai Lama geht sogar so weit zu behaupten, das Opfer mache karmisch den besseren Deal, da es negatives Karma tilge, während der Täter neues schaffe.

    Natürlich könnte man eine solche Betrachtungsweise als Verhöhnung der Opfer betrachten. Dies gilt jedoch nur im immanenten oder juristischen Sinne. Aus der transzendenten oder spirituellen Warte betrachtet, findet jede Tat ihren Ausgleich. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Perspektiven besteht also darin, dass die immanente Sichtweise auf eine einmalige physische Verkörperung eines Menschen ausgerichtet ist, und somit bei seinem Tod eine absolute Bilanz gezogen werden kann, die nach dem transzendenten Ansatz dagegen relativ ist, da er im physischen Tod nur eine Zwischenstation der unsterblichen Seele sieht.

    Daraus ergibt sich eine für das menschliche Zusammenleben wichtige Konsequenz. Das immanent denkende Opfer, sofern es überlebt, kann nur in Strafe und/oder Rache Genugtuung finden, während der transzendente Mensch den Ausgleich für begangenes Unrecht getrost dem Schicksal überlassen kann.

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