Eine Interpretation zu “Das Lippenbekenntnis „Ich liebe Dich!“ ist

  1. Jennifer und Stefan, Berlin im Oktober 2010

    Es war ein verregneter Samstagnachmittag, als ich Stefan mal wieder auf ein Thema ansprach, das in knapp 20 Ehejahren mehr oder weniger regelmäßig auf die Tagesordnung kam, ohne dass wir es je wirklich ausdiskutiert haben. Diesmal verzichte ich auf die Frage „Liebst du mich eigentlich noch?“, weil ich weiß, wie es dann weitergeht – dass er sich unverstanden fühlt, genervt reagiert und dass ein vernünftiges Gespräch dann praktisch unmöglich ist. Ich frage stattdessen: „Weißt du eigentlich, wann du mir das letzte Mal gesagt hast, dass du mich liebst?“ Während ich es ausspreche, fällt mir ein, dass ich auch diese Formulierung schon häufiger verwendet habe.

    „Sekunde“, sagt Stefan, und kommt ein paar Minuten später mit einem DIN-A4-Blatt zurück, auf dem er ein Zitat hat ausdrucken lassen. Der Satz, den ich so gern aus seinem Munde höre, heißt es dort, sei ein bloßes Lippenbekenntnis – überflüssig oder unaufrichtig. Ich fühle mich persönlich angegriffen, so als hätte man mir eine Kriegserklärung auf den Tisch geknallt. „Heißt das“, platzt es spontan aus mir heraus, „dass du es nie ernst gemeint hast, wenn du mir sagtest, dass du mich liebst?“ „Lass uns in Ruhe darüber reden“, sagt Stefan – und ich bin mir sicher, dass er weiß, wie sehr er mich mir dieser Bemerkung auf die Palme bringt. In mir bebt es, und nun soll ich in Ruhe mit ihm reden.

    Warum mich dieses Thema so aufregt, hat eine lange Vorgeschichte. Als Stefan zum ersten Mal ein „Ich liebe dich“ über seine jungen Lippen brachte, war ich wie elektrisiert. Ich habe ihn damals spontan verschlungen und ihm damit signalisiert, wie er mich mit drei einfachen Worten in Ekstase bringen kann. In den ersten Jahren verstand er es, die Zauberformel so geschickt einzusetzen, dass nicht nur unser Liebesleben davon profitierte, sondern unser gesamter Alltag dadurch positiv beeinflusst wurde. Wir haben nie darüber gesprochen, doch war uns beiden klar, wie viel wir den drei magischen Worten verdankten. Als Stefan sie mit den Jahren immer seltener unaufgefordert aussprach, war ich diejenige, die darunter litt. Ich finde das ungerecht und spreche das Thema deshalb immer wieder an. Bisher leider ohne Erfolg.

    Es gibt da einen Punkt, mit dem Stefan mich jedes Mal ins Leere laufen lässt, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Er fragt dann immer, ob ich das Gefühl habe, dass er mich weniger liebt als früher. Wenn ich entgegen meinem wirklichen Gefühl aus Trotz mit „ja“ antworte, kommt von ihm immer dieselbe Nachfrage: „Wann und wo fühlst du dich weniger geliebt als früher?“ Er weiß genau, dass ich diesbezüglich nichts vorbringen kann außer zu sagen, dass ich die magischen Worte vermisse. Meist umarmt er mich dann liebevoll, gibt mir einen zärtlichen Kuss, und entwaffnet mich auf seine unwiderstehliche Art. Dann ist das Thema für längere Zeit von der Tagesordnung, bis ich irgendwann einen neuen Anlauf unternehme. Doch heute will ich mich diesem Ritual widersetzen. Ich verkrieche mich auf mein Sitzkissen und fordere Stefan auf, mir endlich einmal genau zu erklären, warum es ihm so schwer fällt, die drei Worte über seine Lippen zu bringen, die mir so viel bedeuten.

    „Du weißt genau, dass ich schon Dutzende Male versucht habe, es dir zu erklären. Aber bei diesem Thema lässt du mich einfach nicht ausreden. Ich bringe keinen einzigen Satz zu Ende, ohne dass du mir ins Wort fällst. Deshalb werde ich jetzt ein paar Sätze aufschreiben, die ich dir immer schon sagen wollte, und lese sie dir dann in Ruhe vor.“ „Meinetwegen, wenn du meinst, dass uns das weiter bringt.“

    Nach einer gefühlten Stunde kommt Stefan mit seinem Text zurück. Ich sitze immer noch wie in Trance auf meinem Kissen. Er reicht mir das Blatt und sagt, ich solle doch lieber selber lesen.

    Du hast recht, Jennifer. In den letzten Jahren hast du die Zauberworte nur noch selten von mir gehört. Ich liebe dich heute nicht weniger als damals, aber anders. Und ich bin sicher, dass du das weißt. Für mich ist jeder unserer Blicke, jede Berührung eine Liebeserklärung, die inniger und stärker ist, als Worte es je ausdrücken könnten. Wenn wir uns heute sagen, dass wir uns lieben, empfinde ich das eher als eine Abschwächung, denn als Bestärkung unserer Liebe. Für mich sind die magischen Worte überflüssig geworden, weil ich unsere Liebe als so vollkommen erlebe, dass Worte ihr nichts hinzufügen, sondern nur etwas wegnehmen können.

    Mir ist aber auch bewusst, wie wichtig mein „Ich liebe dich“ nach wie vor für dich ist. Gern würde ich dir deshalb den Gefallen tun und es wieder öfter sagen. Aber ich kann es nicht, ohne etwas von dem Gefühl der Nähe zu dir einzubüßen. Deshalb wünsche ich mir, dass du es irgendwann nicht mehr von mir erwartest, dass du die Worte, die mein Herz in jeder Sekunde aussendet, hörst, ohne dass ich sie ausspreche. Vergiss bitte nie, was mein Schweigen bedeutet:

    Worte haben nicht mehr die Kraft, dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe.

    Ich sehe Stefan draußen in den Park einbiegen, ohne Jacke und Schirm. Es ist gut, dass wir uns jetzt nicht umarmen können. Längst ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. In unseren Herzen höre ich die drei Worte.

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