Robert Musil: Am Land kommen die Götter noch

Am Land kommen die Götter noch zu den Menschen, […] man ist jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viel Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: und so beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens.
Robert Musil

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Quelle: Der Mann ohne Eigenschaften, Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 649, ISBN: 3499134624

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Eine Interpretation zu “Am Land kommen die Götter noch

  1. Helena Schwedhelm, Bonn im Juli 2011

    In diesem Zitat beschreibt Musil den Unterschied vom Land- und Stadtleben und in welchem der beiden das Leben seinen abstrakten Wert erhält. Auf dem Land ist man laut Musil noch fähig „jemand zu sein“, d.h. seine Persönlichkeit zu entfalten und zu erleben. Außerdem bestehe auf dem Land noch die Beziehung zwischen den Menschen und den Göttern, wobei er mit den Götter, die zum Menschen „kommen“ wahrscheinlich nicht meint, dass überirdische oder religiöse Wesen zu den Menschen treten, sondern dass die Menschen in der freien und unberührten Landschaft noch die schöpferisch göttliche Beschaffenheit der Natur erleben und sehen können.

    Das heißt der Mensch könne nur dadurch er selbst bzw. überhaupt eine Person sein, dass er die überirdische, göttliche Schönheit in der Natur wahr- und aufnehmen kann; während er in der anthropogenen Lebensumgebung mit „tausendmal so viel“ an Eindrücken konfrontiert werde. Der Mensch sei nicht dazu imstande, diese Immensität der städtischen Umgebung zu erfassen, könne nur ein Ausschnitt der gesamten Eindrücke wahrnehmen. Es sei ihm nicht möglich, alle erlebten Eindrücke zu reflektieren und – anders als auf dem Land, das vom Menschen nicht verändert wurde – sie auf die eigene Person zu projizieren. Somit sei ein Mensch, der in der städtischen Flut aus Reizen lebt, nicht fähig, sein eigenes Bewusstsein, das Selbstbewusstsein, zu erleben. Der Mensch befände sich dann sozusagen zwischen dem Wahrnehmen der Erlebnisse und dem bewusst gelebten Selbst.

    Mit diesem Zustand fängt laut Musil das „berüchtigte Abstraktwerden des Lebens“ an. Er beschreibt das abstrakte Leben als das Fehlen an Selbstbewusstsein, das heißt das Fehlen an Bewusstsein, wer man selbst ist. So ist die Unfähigkeit des Menschen, sich selbst in der Reizüberflutung des Stadtlebens zu erkennen, Ursache dafür, dass sein Bewusstsein an Konkretem verliert. Das heißt der Inhalt des Menschseins geht verloren, er verliert die persönliche Definition.

    Zusammenfassend bedeutet abstraktes Leben für Musil, dass der Mensch den Inhalt seines Wesens und damit seine Persönlichkeit verliert.

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