Arthur Schopenhauer: Also, wer erwartet, daß in der

Also, wer erwartet, daß in der Welt die Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen einhergehn, wird stets ihre Beute, oder ihr Spiel sein.
Arthur Schopenhauer

Über Arthur Schopenhauer, mehr Zitate von Arthur Schopenhauer (103)

Quelle: Aphorismen zur Lebensweisheit, 1. Aufl. 1976 Frankfurt/M, Leipzig: Insel, 1976, S. 178, Kap. 5, Paränesen und Maximen, ISBN: 3458319239

Bewertungen insgesamt:
3.82/5 (38)

Dieses Zitat versenden Dieses Zitat versenden (bisher 23 mal versandt)

Eine Interpretation zu “Also, wer erwartet, daß in der

  1. Thomas Fürniß im November 2010

    Wem das Böse nicht ersichtlich ist, wird selbst in der Gefahr stehen vom Bösen heimgesucht zu werden, sei es, indem das Böse ihn vereinnahmt und ihn benutzt, sei es, dass er selbst Böses tut und denkt, ohne dass dies ihm wirklich bewusst wäre. Wer also erwartet, dass das Böse in der Welt auf die eine oder andere Weise markiert sei, sodass es leicht zu erkennen wäre (wie die hollywoodeske Filmindustrie es ihrem Publikum verkauft), geht in die Irre und befindet sich in einer falschen und fatalen inneren Haltung.

    Um das Böse in der Welt (und in sich selbst) zu erkennen, bedarf es keiner Hörner und keiner Schellen, es bedarf nicht des geistigen Fingers, der von sich wegdeutet und stets andere des Bösen zu überführen glaubt. Wer das Böse anderswo zu sehen glaubt, macht sich verdächtig, das eigene Böse unter dem unreinen Teppich zu halten. Wer also mit dem geistigen Finger zeigt und Schuld in der Welt verteilt, weil er glaubt dort das Böse gefunden zu haben, ist selbst das Böse, das es nicht versteht unschuldig, rein und gut zu sein.

    Doch dieser Mensch ist dann nicht das Opfer des Bösen, er ist bereits der Täter des Bösen, er hat bereits Hörner und Schellen bekommen, ohne dass ihm das bewusst geworden wäre. Und so wird er selbst ein Spiel daraus machen, ein Theater veranstalten und sich selbst an der Nase herum führen und andere zu eben diesem Denken und Verhalten verführen. Das Böse verführt sich selbst und die Welt, indem es sich selbst als gut definiert und sich abgrenzt gegen anderes, das es als böse definiert. So gibt es eine Trennung in der Welt aus beliebigen Definitionen von gut und böse.

    Diese aufrechterhaltene, unverstandene und unaufgelöste Trennung von Gut-gegen-Böse ist das eigentliche Böse in der Welt und im Menschen, denn es ist Abwesenheit von ungeteilter, bedingungsloser Selbsterkenntnis, die darin besteht in Einheit und Einssein zu leben und nicht in einer Trennung zwischen diesem und jenem, zwischen dem selbst ernannten Guten und dem anderen Bösen. Wer dieses Spiel der Trennung spielt, fühlt sich selbst als gut und für ihn sind es die anderen, die in Schuld leben. Dieses Reinwaschen bedarf eines Anderen als Gegensatz, damit er selbst rein erscheint, doch er ist es in Wahrheit nicht. In Wahrheit ist er unrein und dem Mangel an Selbsterkenntnis ausgesetzt.

    Selbsterkenntnis ist die Abwesenheit eines Anderen, es ist Verstehen und Mitgefühl anwesend, nicht Beschuldigung und Verurteilung eines Anderen. Selbsterkenntnis ist ein anderer Ausdruck für eine innere, geistige Einheit und Harmonie, die nicht Zwietracht sät, sondern die verbindend und einend wirkt, weil es Liebe ist und Lebendigkeit. Selbsterkenntnis spielt kein Spiel und kein Theater und sie setzt anderen keine Hörner auf, denn Selbsterkenntnis wirkt befreiend und nicht beengend.

    Wer also nicht zu seiner eigenen Beute des Bösen werden will und sein Leben mit einem künstlichen Spiel vor der Welt und sich selbst verbringen will, statt schlicht und einfach zu leben ohne Spiel und ohne Theater, ist freundlich aufgefordert Selbsterkenntnis zu betreiben. Doch wer nun erwartet, dass Selbsterkenntnis durch himmlische Musik und mit den Ohren zu erkennen sei, bleibt die Beute anderer und wird im Spiel des Bösen geschlagen werden. Auch darüber spricht die Welt Bände.

Wenn Sie ein Zitat interpretieren möchten, können Sie mir Ihren Text gern über das Kontaktformular zukommen lassen. Die Anzahl der Wörter sollte circa 300 bis 600 betragen. Der Text sollte vor allem inhaltlich auf das Zitat Bezug nehmen und nicht nur Ihre Meinung zu dem angesprochenen Thema beinhalten. Andreas Tenzer.